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„Alles ist erleuchtet“ Burghofbühne Dinslaken

Jonathan, ein junger amerikanischer Jude reist in die Ukraine, um Augustine zu finden, die Frau, die in den 1940er Jahren seinen Großvater vor der nationalsozialistischen Verfolgung gerettet hat. Begleitet von einem Fahrer, der skurrilerweise vorgibt blind zu sein, und dessen Enkel, dem USA-begeisterten Alex, der trotz eines recht unkonventionellen Gebrauchs der englischen Sprache als Dolmetscher für die Unternehmung angeheuert wird, geht es von Lwow aus los in die ukrainische Provinz. Als Anhaltspunkte hat das Trio allerdings nur ein altes Foto von Augustine und den Ortsnamen Trachimbrod, von dem niemand je etwas gehört zu haben scheint. Mit dabei auf der Rückbank des alten Wagens ist auch noch die ebenso neurotische wie anhängliche Hündin Sammy Davis jr. jr. – sehr zum Leidwesen von Jonathan, der Angst vor Hunden hat.

Erzählt wird eine aberwitzige Irrfahrt, die als unterhaltsames Roadmovie voller Missverständnisse und absurder Situationskomik beginnt und sich allmählich als Reise zu den grauenerregenden Verbrechen der Vergangenheit entpuppt. Für jeden der drei wird die Suche nach Augustine und dem verschwundenen Ort Trachimbrod zu einer persönlichen Suche nach Selbsterkenntnis und Wahrhaftigkeit. Der alte Großvater stellt sich seinen verdrängten Erinnerungen. Alex beginnt sich von seinem dominanten Vater zu emanzipieren. Jonathan schließlich gelingt es in einem Akt kreativer Selbstbestimmung, die Geschichte seiner ausgelöschten Wurzeln, die Geschichte des jüdischen Trachimbrod im Erzählen neu zu erfinden. So ist „Alles ist erleuchtet“ nicht zuletzt auch eine kraftvolle Erzählung über die Macht des Geschichte- und Geschichtenerzählens selbst, über das Glück der fantastischen Ausschweifung und vielleicht sogar über die graduelle Rettung, die darin liegen könnte, sich dem Vernichteten und Verlorenen schöpferisch anzunähern. Nach dem Erfolg von „Extrem laut und unglaublich nah“ widmet sich die Burghofbühne erneut der Inszenierung eines Romans von Jonathan Safran Foer. Sein Debut „Alles ist erleuchtet“ erschien 2002 und avancierte in kurzer Zeit zum Weltbestseller.

Mit „Extrem laut und unglaublich nah“ desselben Autors hat die Burghofbühne Dinslaken ab der Spielzeit 2018/19 große Erfolge gefeiert (u.a. Publikumspreis NRW-Theatertreffen, „Besondere Inszenierung“ Kultursekretariat NRW Gütersloh). Dasselbe Regieteam (Regie: Mirko Schombert, Ausstattung: Jörg Zysik, Musik: Jan Exner) wird sich nun mit „Alles ist erleuchtet“ der Dramatisierung von Foers Debütroman widmen und bei aller Unterschiedlichkeit im Inhalt eine ästhetisch-formale Kontinuität suchen. Zu erwarten ist eine sinnliche Inszenierung in einem abstrakt-verspielten Bühnenraum, gespickt mit Live-Musik, die vor allem über Sounds und Atmosphären arbeiten und den Fokus auf einen emotionalen Zugang zur Geschichte legen wird.

Die Besonderheit dieses Romans ist das Spiel mit Kontrasten. Der sehr unterhaltsame erste „Roadmovie-Teil“ verspricht einen leichten, humorvollen Abend. Unter dem Boden des unterhaltsamen Heute wächst aber im Verlauf des Abends der Schrecken der Vergangenheit immer weiter und wird außerdem durch die fast schon märchenhafte Geschichte des verschollenen Städtchens Trachimbrod mit einer dritten Facette des Erzählens kombiniert. Das komplexe Zusammenspiel erzählerischer Strukturen, die dennoch ganz direkt und pur an die lebendigen Figuren angekoppelt sind, sind die große Stärke des Romans und werden auch die Inszenierung prägen.

Foto: Martin Büttner

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