Im Zentrum des Projekts stehen künstlerisch gestaltete Bilderrahmen, die an unterschiedlichen Orten im Stadtgebiet installiert werden. Die Rahmen werden von beteiligten Künstler*innen individuell entworfen und handwerklich umgesetzt. Sie sind keine neutralen Trägerobjekte, sondern eigenständige Kunstwerke mit eigener Formensprache und gestalterischer Aussage. Die Künstler*innen wählen ihre Standorte bewusst aus und beziehen die jeweilige Umgebung in ihre künstlerischen Überlegungen ein. So können Architektur, Geschichte, Nutzung oder Atmosphäre eines Ortes Einfluss auf Gestaltung und Positionierung der Rahmen nehmen.
Auf den ersten Blick wirken die Rahmen ungewöhnlich: Ihre Leinwände bleiben bewusst leer und weiß. Diese Leere ist kein Mangel, sondern ein zentrales künstlerisches Element. Sie erzeugt Aufmerksamkeit, Irritation und Neugier. Passant*innen begegnen einem vertrauten Objekt – einem Bilderrahmen – in einer unerwarteten Situation. Wo normalerweise ein Bild zu sehen wäre, befindet sich lediglich eine leere Fläche. Die scheinbare Abwesenheit eines Kunstwerks wird zum Ausgangspunkt für Fragen und Entdeckungen.
Erst durch die aktive Beteiligung der Betrachter*innen wird sichtbar, was sich hinter den weißen Flächen verbirgt. Mithilfe eines Smartphones können die Rahmen gescannt werden. Über eine Augmented-Reality-Anwendung erscheinen digitale Inhalte direkt im Bildraum des Rahmens und verbinden sich visuell mit der realen Umgebung. Plötzlich werden Bilder, Animationen, Illustrationen, digitale Objekte oder erzählerische Elemente sichtbar. Die physische Installation fungiert dabei als Schnittstelle zwischen analogem Stadtraum und digitaler Kunstwelt.
Das Projekt versteht sich als Einladung zur aktiven Teilhabe. Die Besucher*innen konsumieren die Kunst nicht ausschließlich passiv, sondern werden selbst zu Entdecker*innen. Der Akt des Scannens wird zu einer bewussten Handlung, die eine neue Ebene der Wahrnehmung eröffnet. Die Grenze zwischen Kunstwerk, öffentlichem Raum und Publikum wird dadurch durchlässiger.
Ein besonderer Schwerpunkt von „Unsichtbare Bilder“ liegt auf der Beteiligung der Stadtgesellschaft. Nach der Installation der Rahmen finden offene Workshops statt, in denen Bürger*innen gemeinsam mit Künstler*innen und Medienpädagog*innen eigene Inhalte entwickeln können. Die Workshops richten sich ausdrücklich an Menschen aller Altersgruppen und Erfahrungsstufen. Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senior*innen sind gleichermaßen eingeladen, ihre Ideen einzubringen und kreative Prozesse kennenzulernen.
Die Workshops verbinden klassische künstlerische Methoden mit digitalen Produktionsformen. Ausgehend von einem künstlerischen Impuls entwickeln die Teilnehmenden eigene Bildideen, Geschichten, Animationen oder konzeptionelle Arbeiten. Dabei können unterschiedliche Techniken zum Einsatz kommen – beispielsweise Zeichnung, Malerei, Collage, Fotografie, digitale Illustration oder Animation. Die entstandenen Werke werden anschließend digitalisiert und für die Nutzung in der Augmented-Reality-Ebene aufbereitet.
Die Teilnehmenden erhalten dabei Einblicke in kreative Arbeitsprozesse, digitale Gestaltungsmöglichkeiten und die technischen Grundlagen von Augmented Reality. Gleichzeitig steht nicht die Technologie selbst im Vordergrund, sondern deren Nutzung als künstlerisches Werkzeug. Ziel ist es, individuelle Ausdrucksformen zu fördern und kreative Ideen sichtbar zu machen. Die digitale Ebene erweitert die Möglichkeiten des künstlerischen Arbeitens, ohne die Bedeutung des analogen Schaffensprozesses zu ersetzen.
Die im Rahmen der Workshops entstandenen Arbeiten werden kuratiert und in die digitale Ausstellung integriert. Dadurch entsteht eine Verbindung zwischen professionellen künstlerischen Positionen und den Beiträgen der Bürger*innen. Die Teilnehmenden werden nicht nur zu Besucher*innen, sondern zu Mitgestalter*innen des Projekts. Ihre Arbeiten werden Teil einer öffentlichen, für alle zugänglichen Ausstellung im Stadtraum.
Ein wesentliches Merkmal von „Unsichtbare Bilder“ ist seine Dynamik. Anders als klassische Ausstellungen bleibt das Projekt nicht statisch. Die digitalen Inhalte können während der Projektlaufzeit erweitert, verändert oder ergänzt werden. Dadurch entstehen fortlaufende Entwicklungen und neue Erzählungen. Menschen, die die Rahmen bereits besucht haben, können diese erneut aufsuchen und neue Inhalte entdecken. Jeder Besuch bietet die Möglichkeit einer anderen Erfahrung.
Darüber hinaus fördert das Projekt die bewusste Wahrnehmung des Stadtraums. Viele Menschen bewegen sich täglich durch vertraute Straßen, Plätze und Wege, ohne diese bewusst wahrzunehmen. Die Rahmen setzen gezielte Impulse, bekannte Orte neu zu betrachten. Durch die Verknüpfung von Kunst und Ort entstehen neue Beziehungen zwischen Stadt, Geschichte, Architektur und persönlicher Erfahrung. Der Stadtraum wird nicht nur Kulisse, sondern aktiver Bestandteil des Kunstwerks.
Die Eröffnung des Projekts wird durch öffentliche Rundgänge begleitet. Künstler*innen, Workshopteilnehmende und interessierte Bürger*innen können gemeinsam die verschiedenen Standorte erkunden und mehr über die Entstehung der Arbeiten erfahren. Die Rundgänge ermöglichen Einblicke in künstlerische Prozesse, technische Umsetzung und die Verbindung von analoger und digitaler Kunst. Gleichzeitig schaffen sie Begegnungsräume für Austausch und Diskussion.
Digitale Technologien prägen zunehmend unseren Alltag und verändern die Art, wie wir Informationen wahrnehmen und miteinander kommunizieren. Gleichzeitig wächst das Bedürfnis nach realen Begegnungen, gemeinschaftlichen Erfahrungen und kreativer Beteiligung. „Unsichtbare Bilder“ verbindet beide Ebenen miteinander. Es nutzt digitale Werkzeuge, um neue Formen der Begegnung im öffentlichen Raum zu schaffen, und zeigt, wie Technologie als Medium für kulturelle Teilhabe und künstlerischen Ausdruck eingesetzt werden kann.
Durch die Kombination aus handwerklich gestalteten Installationen, partizipativen Workshops, digitaler Kunst und öffentlichem Stadtraum entsteht ein innovatives Kulturprojekt, das Kunst sichtbar macht, wo sie zunächst unsichtbar erscheint. Es lädt dazu ein, die Stadt mit anderen Augen zu sehen, neue Geschichten zu entdecken und selbst Teil eines kollektiven kreativen Prozesses zu werden.
Foto: Kreisstadt Unna